Meine
Einwände zum Buch von Rita Messmer "Ihr Baby kann's"
Ich habe sehr
viele Bücher von Largo, Gordon und Montessori gelesen und bin
zur Überzeugung gekommen, dass Frau Messmer diese Bücher nicht
richtig verstanden hat. Für mich ist Frau Messmer eine der
vielen frustrierten Mütter die nach Anerkennung lechzen und ihre
privaten Erziehungshighlights veröffentlichen. Schlimm finde ich
jedoch, dass sie Psychologen zitiert, ohne jedoch die
verschiedenen Theorien begriffen zu haben. Zudem hat Frau Messmer
ungenügend recherchiert, Verschiedenes in ihrem Buch ist
wissenschaftlich unhaltbar.
- Frau Messmer beschreibt in
ihrem Buch die Möglichkeit, dass Kinder vor dem fünften
Lebensmonat ihre Blase kontrollieren könnten. Dazu
sollen die Eltern schon nach wenigen Wochen damit
beginnen, das Kind regelmässig über die Toilette zu
halten. In einer ersten Zürcher Studie, die in den Fünfzigerjahren
vorgenommen worden ist, verfuhren manche Eltern so, wie
es Messmer in ihrem 1997 erschienenen Buch beschreibt. In
einer Folgestudie in den Achtzigerjahren begannen die
Eltern mit der Sauberkeitserziehung durchschnittlich 14
Monate später. Die von Largo mit drei weiteren Autoren
1996 veröffentlichte Auswertung der beiden Zürcher
Studien belegt eindeutig: Es ist kein positiver, aber
auch kein negativer Trainingseffekt nachzuweisen. Obwohl
die Kinder der ersten Studie im Mittel 1300-mal mehr auf
den Topf gesetzt worden sind als diejenigen der zweiten
Studie, wurden sie nicht früher trocken und sauber. (Auszug
aus Artikel Tages Anzeiger vom 3.5.00 von Hélène Arnet).
- Frau Messmer erwähnt mit
keinem Wort bei wie vielen Kindern ihre Theorien nicht
funktioniert haben. Sie hat keine Langzeitstudien
betrieben, hinsichtlich eines Entwicklungsvorsprungs nach
2 - 4 Jahren. Wenn Sie z. B. das Buch "Babyjahre"
oder "Kinderjahre" von Largo nehmen, ist
ersichtlicht, bei wie vielen Kindern die Studie durchgeführt
wurde. Herr Largo zeigt die gesamte Streubreite auf und
vertuscht nichts. Frau Messmer hingegen erwähnt jeweils
nur, dass es bei einigen wenigen Kindern funktioniert hat.
Ich fand auf keiner Buchseite eine Zahl von über 50
Kindern bei denen ihre Theorie sich bestätigt hat.
Ebenfalls fehlt die Angabe bei wievielen Kindern ihre
Methode sich nicht positiv auswirkte.
- Frau Messmer findet, dass man
einem etwas grösseren Kind (leider fehlt auch hier eine
Altersangabe!), vermitteln kann, dass es im
Strassenverkehr selber aufpassen könne, Kinder sind
jedoch oft in ihr Spiel versunken und können sich
vergessen. Statistiken belegen, dass manchmal noch 8 jährige
Kinder, wenn ein Ball auf die Strasse rollt, diesem
nachspringen ohne auf Autos zu achten, wenn sie ins Spiel
vertieft sind, obwohl sie sich sonst bereits sehr achtsam
verhalten. Ich glaube nicht, dass die Kinder, welche nach
Frau Messmers Theorie erzogen worden sind, hier eine
Ausnahme machen. Eine Langzeitstudie in ihrem Buch wäre
angebracht, damit man Frau Messmers Theorie Glauben
schenken könnte.
- Frau Messmer lässt ihr
eigenes Kind im Krabbelalter die Treppe herunterfallen,
sodass er sich sogar die Stirn aufschürft und meint,
dass dieses Kind dabei gelernt hat, dass es noch nicht fähig
ist, selbst die Treppe zu erklimmen und deshalb von der
Treppe ablassen wird. Ich unterstelle ihr nach dieser
Aussage, dass sie ihre Kindheit nicht aufgearbeitet hat,
und dass sie selbst oft von ihren Eltern im Stich
gelassen worden ist. Denn genau das vermittelt sie ihren
eigenen Kinder: ihr könnt euch nicht auf mich verlassen,
ich bin kein sicherer Hort, wo ihr hinkommen könnt,
meine Türen sind für Euch nicht immer offen, nur gerade
dann, wenn es mir passt. An dieser Stelle empfehle ich
ihr als Erzieherin, noch besser ihren Lesern, das Buch
"Aussöhnung mit dem inneren Kind" von Erika J.
Chopich und Margaret Paul, eine bewährte Therapiehilfe für
liebevolle Eltern.
- Weiter beschreibt Frau
Messmer auf S. 90 ihren Grundsatz beim Verlassen des
Hauses wie sie mit ihren Kindern verfährt, damit sich
diese schnell anziehen: "Ich gehe, wer mitkommen
will, soll sich beeilen, adieu!" Dies passt für
mich nicht zur Gordon-Theorie, welche Frau Messmer auch
in ihrem Buch zu beschreiben versucht. Nach Gordon würde
ein "Ankleideproblem" diskutiert werden und
nach einer Lösung gesucht werden, die alle befriedigt.
Frau Messmer übt jedoch totale Macht über ihre Kinder
aus und falls sie ihren Grundsatz wirklich in die Tat
umsetzt, entstehen Verlassenheitsängst beim Kind,
welches alleine zurückgelassen wird. Verlassenheitsängste
wirken sich auf das gesamte Leben eines Menschen, auf
seine späteren Reaktionen aus. Viele gehen über Jahre
zur Seelsorge oder zum Psychiater um solche ihnen in der
Kindheit zugefügten Schäden und Verletzungen in den
Griff zu bekommen.
- Noch eine Anmerkung zu
Messmers "Gordon-Verschnitt": Sie macht
Beispiele von Ich-Botschaften, die jedoch teilweise Du-Botschaften
sind, welche Rebellion beim Empfänger auslösen. Das
Wort, welches bei Gordon Tabu ist, sprich "immer",
wird als guter Beispielsatz hingestellt. Wer jemals ein
Gordon Familien Training absolviert hat, weiss, dass Wörter
wie: immer, nie, etc. kontraproduktiv sind.
- Frau Messmer meint weiter,
dass wenn Maria Montessori mit Babys gearbeitet hätte,
ebenfalls Theorien wie sie entwickelt hätte. Für Frau
Montessori stand jedoch immer die kind- und
altersgerechte Förderung im Vordergrund, das heisst,
wenn das Kind von sich aus bereit ist, sich etwas
anzueignen.
Frau Messmer beraubt meiner Meinung nach die Kinder ihrer
Kindheit. Sie betreibt psychischen Kindsmord, da Förderung vor
dem "Kind sein" steht. Sie vergisst dabei die
wunderbare Tatsache, dass wir von Kindern lernen und profitieren
können. Stattdessen untergräbt sie das Selbstbewusstsein der
jungen Seele. Was Frau Messmer als Selbständigkeit proklamiert,
schmeichelt nur ihrer eigenen Macht.
Die Buchredaktion beendet das Buch mit folgendem Statement: Die
Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die
Meinung beziehungsweise die Erfahrungen der Autorin dar. Sie
wurden von ihr nach bestem Wissen erstellt und mit grösstmöglicher
Sorgfalt überprüft. Sie bieten jedoch keinesfalls Ersatz für
kompetenten ärztlichen oder therapeutischen Rat. Daher erfolgen
Angaben in diesem Buch ohne jegliche Gewährleistung oder
Garantie des Verlags oder der Autorin. Eine Haftung des Verlags
oder der Autorin für etwaige Personen-, Sach- oder Vermögensschäden
ist ausgeschlossen, es sei denn im Falle grober Fahrlässigkeit. Meines
Erachtens sollte diese Warnung als Bucheinleitung stehen.
Anita Magnin, 31.5.2000
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