Hand aufs
Energie-Chakra: Auch in Ihren hoffnungslos alternden Sphären dürfte
bereits jemand erfolgreich mit dem Büchlein gewedelt haben. «Alles,
was nötig ist, ist, die fünf Riten täglich zu üben. Das ist
das wunderbar einfache Geheimnis, das der ganzen Welt nützen könnte,
wenn es bekannt wäre», lehrt uns die zu Weltruhm gelangte Fibel
«Die Fünf Tibeter oder das Geheimnis der Quelle der Jugend»,
die in Deutschland vor zehn Jahren beim unbekannten Integral-Verlag
herauskam. Seit sieben Jahren auf der Bestsellerliste des «Spiegels»,
weltweit über zwei Millionen Mal verkauft, in über zwanzig
Sprachen übersetzt, verkündet die Schrift das Geheimnis ewigen
Jung- und Wohlseins.
In diesem Jahr hat der Scherz-Verlag das Büchlein unter seine
Fittiche genommen und nach allen Regeln der Merchandising-Kunst
weitere Tibeter-Eier zum Wohle der Menschheit ausgebrütet: acht
Folgebände (unter anderem Tibeter für Kinder und Feinschmecker)
und Zubehör zum Training und zum Verschenken. Das alles zu sphärischen
Preisen, das Glück darf was kosten.
Das Berner Verlagshaus hat mit den Tibetern genau die richtige
Screen gefunden, um ausgelaugte westliche Jobverrichter und
absturzgefährdete Buchhändler (diese werden angehalten, an
ihren besten Adressen «Tibeter-Schnupper-Events» zu
organisieren) mit einer höchstprofessionellen Marketing-Maschine
anzubaggern und zu fleissig kaufenden, verkaufenden und gratis
werbenden Anhängern zu machen. «Das Netzwerk der Tibeter-Familie
wächst», verkündet der Katalog. Bereits «öffnen im
deutschsprachigen Raum mehr als 1,3 Millionen Tibeter Horizonte».
Leise locker, esoterisch ästhetisch: Da bleibt den alternden
Oshos und Gurus, den gestrengen Scientologen wohl die Spucke weg.
Was steht denn drin in diesem Buch gewordenen Marketing-Wunder?
Vor vielen Jahren, es müssen die dreissiger Jahre gewesen sein,
habe sich eines schönen Nachmittags irgendwo in den Vereinigten
Staaten ein alter Mann neben einen jüngeren auf eine Parkbank
gesetzt und ihm eine verrückte Geschichte erzählt. Der alte
Mann war ein ehemaliger Commonwealth-Offizier (gibt es etwas Seriöseres?)
mit Namen Colonel Bradford, der jüngere ein Adoptivkind mit
nicht lokalisierbarer Herkunft, ein Weltenbummler und
Schreiberling namens Peter Kelder.
Der, wie sich zeigen wird, geheimnisvolle Peter Kelder entlockte
der alten Konserve (ewig vierzig) nach und nach das Geheimnis des
Jungbrunnens, das der Colonel in einem nicht minder
geheimnisvollen und ebenso wenig lokalisierbaren Kloster im
mystischen Tibet aufgespürt haben soll.
Ein überraschend simples Geheimnis: je nach Bewusstseinsgrad fünf
bis sieben Übungen, «Riten», die zu früh Vergreiste mit
geringem Zeitaufwand (zehn Minuten) zustande bringen: das Drehen
an Ort, die Kerze ohne Hinternstemmen, das ziemlich katholische
Knien, die Brücke und eine Liegestütze, wie sie die Kinder
machen (nur mit Hintern wippen). Noch viele wunderliche Dinge erzählt
der Colonel dem Peter Kelder, etwa, dass die sexuelle Vitalität
von Männern, deren Stimme hoch und schrill ist, gering sei. Der
Colonel, bei dem das Wunder schon gewirkt hatte (sonore Stimme
also, graue Haare wieder dunkel, kein Gehstock mehr), schreibt
noch ein paar Briefe, dann verschwindet er spurlos.
Nennen wir Kelder also des Colonels Prophet. Kelder habe
so das Büchlein des Colonels Unterweisungen
aufgeschrieben und 1939 unter dem Titel «The Eye of Revelation»
veröffentlicht bei einem Harry R. Gardener in dessen Verlag The
Midday Press, irgendwo im sonnigen Kalifornien. 1947 sei eine
Neuausgabe mit einem bis dahin verschollenen Kapitel gefolgt.
Diese Ausgabe sei erst kürzlich «in der Privatsammlung des
Autors gefunden worden». (Von wem? Ist Kelder, trotz Wissen um
ewige Jugend, nun plötzlich doch verstorben?)
So steht das jedenfalls im Büchlein, und so erfährt man es auch
aus dem Nachfolge- und Erklärungs-, um nicht zu sagen
Rechtfertigungsband, der im Februar beim alteingesessenen US-amerikanischen
Verlagsgiganten Doubleday unter dem Titel «Ancient Secret of the
Fountain of Youth, Book 2» erschienen ist, natürlich nach dem
erfolgsträchtigen Tibeter-Originalband.
In diesem «Book 2» schreibt interessanterweise ein anderer
Harry R., ein Harry R. Lynn statt Gardener, dass er das Büchlein
zufällig «wiederentdeckt» und 1985 in seinem Verlag Harbor
Press bei Washington herausgebracht habe. Auch den mysteriösen
Peter Kelder kenne er, er lebe vergnügt und munter (müsste
mindestens neunzig sein), wenn auch sehr zurückgezogen. Sowieso,
beruhigt Harbor-Harry R. präventiv allzu neugierige Leser: Die
Geschichten um den Autor und das Buch seien doch nicht so wichtig.
Wichtig sei «der Wert, den das Buch seinen Lesern gibt».
Und wohl auch seinen Verlegern. Womit wir beim deutschen Integral-Verlag
und Volker Z. (für Zahedra) Karrer im bayrischen Wessobrunn
angelangt sind, der das Wunderbuch 1989 seinerseits entdeckte und
herausbrachte. Auch er, wie «Der Spiegel» 1992 berichtete, Ex-Journalist
und Weltenbummler. Volker Z. Karrer sei, so «Der Spiegel»,
vorher so gut wie pleite gewesen und dann Millionär geworden, «eine
wunderbare und schicksalhafte Wendung».
Einen Steinwurf neben Hollywood
Gehört man
nicht mehr gänzlich zu den locker frohlockenden Krokussen des
Lebensfrühlings, macht so viel Heil ein wenig skeptisch. In Zürich
steht Geist sei Dank die altehrwürdige und modernst organisierte
Zentralbibliothek. Dort ruhen in einem abgelegenen Winkel hinter
kecken Computern viele Reihen schwerer Lederbände: die grossen
Bibliografie-Werke. Da drin müsste das Original unseres Büchleins
1939 oder 1947 erscheinen.
Wir beginnen mit dem National Union Catalogue der amerikanischen
Library of Congress, einer der weltweit genauesten und
gewichtigsten Bibliografien. In Band 292 ist zwar ein Kelder zu
finden, aber der hiess Jacob Winnfred und veröffentlichte
bereits 1881. Erst 1976 erscheint wieder ein Kelder, ein James,
mit seinem orakelhaften Ratgeber «How to Open a Swiss Bank
Account». Weiter zur British Library und dem General Catalogue
of Printed Books to 1975: gar nichts. Auch nicht im Verzeichnis
der Pariser Bibliothèque Nationale.
Dann eine Überraschung: 1933, sechs Jahre vor Erscheinen der
angeblichen Tibeter-Originalausgabe, erschien «Lost Horizon»
von James Hilton, «eine romantische Utopie und der dauerhafteste
Bestseller des englischen Sprachraums, u.a. verfilmt von Frank
Capra», wie Kindlers Literaturlexikon vermerkt. Dessen Inhalt ähnelt
verblüffend unserem Büchlein. Auch in «Lost Horizon» erzählt
der Freund eines Freundes die fantastische Geschichte von einer
Quelle der Jugend in einem abgelegenen Kloster im fernen Tibet. Rätsel
über Rätsel.
Was bedeutet es, wenn ein Buch in allen bibliografischen Werken
nicht zu finden ist? Dr. L. Kohler, Chef der Zürcher
Zentralbibliothek, zögert keinen Moment: «Es ist ein sehr
starkes Indiz dafür, dass das Buch tatsächlich nicht erschienen
ist. Natürlich gibt es seltene Fälle, wo eines nicht erfasst
wurde, aber irgendwann taucht jedes Buch irgendwo auf. Vor allem
auch, wenn es davon später noch eine Neuauflage gab.» Dr.
Kohler macht sich nun selber auf die Suche und kapituliert nach
zwei Tagen. «Das Buch ist selbst in Esoterik-Sammlungen nicht zu
finden, und die sind meist sehr lückenlos.» Ebenso wenig findet
man den Originalverlag The Midday Press noch deren Verleger Harry
R. Gardener in irgendeinem der Verzeichnisse.
Wenn schon keine Originalausgabe, dann wenigstens ein Autor. Aber
jetzt wirds noch komplizierter. Nur so viel ist sicher:
1985 ist das Buch bei Harbor Press in Washington erschienen. In
Book 2 der amerikanischen Doubleday-Neuausgabe von 1999 fabuliert
der Tibeter-Wiederentdecker und Harbor-Publisher Harry R. Lynn (Harbor-Harry)
von seinem persönlichen Freund Kelder und fügt dem Vexierspiel
neue Facetten an.
Etwa, dass Kelder den Colonel gar nicht persönlich gekannt,
sondern nur aufgeschrieben habe, was ihm ein Dritter (siehe «Lost
Horizon»), nämlich Midday-Publisher Harry R. Gardener, 1939 erzählt
habe. Busenfreund Kelder möge ihm verzeihen, wenn er, Harbor-Harry,
jetzt ein paar Geheimnisse ausplaudere. Zum Beispiel, dass Kelder
auch mal Drehbuchautor gewesen sei und einen Steinwurf entfernt
von der Hollywood-Legende Errol Flynn gelebt habe.
Man darf sich wundern, dass Harbor-Harry seinen munteren Freund
Kelder nicht konsultierte in Sachen Geheimnisverrat, und möchte
selber Genaueres erfahren. Die Pressechefin von Scherz ruft an
und wimmelt ab: «Das brauchen Sie wirklich gar nicht zu
probieren.» Auch die versprochene Anschrift des Originalverlags
wird nicht geliefert.
Immerhin findet sich in der Zürcher Zentralbibliothek das lückenlose
Verzeichnis der Verlage in der jährlichen Ausgabe von «Books in
Print», und da ist tatsächlich Harbor Press in Gig Harbor,
Washington, aufgeführt, also der Verlag, der das Büchlein 1985
«wiederentdeckte». An Stelle von Wiederentdecker Harbor-Harry
wird allerdings ein anderer Publisher aufgeführt.
E-Mail und Fax bleiben unbeantwortet, und die barsche Stimme am
Telefon weist jede Bitte nach Auskunft ab.
So bleiben nur Fragen: Wo und wann erschien die Originalausgabe?
Wer ist das Adoptivkind Peter Kelder mit der rätselhaften
Herkunft? Welche Verbindung besteht zwischen dem Aufkommen von
New-Age- und Esoterik-Boom Mitte der achtziger Jahre, dem Wanken
des riesigen Bhagwan-Reiches zur gleichen Zeit und dem «zweiten»
Erscheinen der «Tibeter» 1985 bei Harbor Press? Welche
Verbindung besteht zwischen den notorischen «Tibeter»-Entdeckern
mit Zwischeninitial im Namen: Harry R. Gardener, Harry R. Lynn,
Volker Z.(ahedra) Karrer?
Warum erwähnt
das «alte» Büchlein Dinge als Wunschträume der Menschen
Gewichtsabnahme, weniger Arbeitsstress, ein tolles Auto
etc. , die 1939, nach Weltwirtschaftskrise und kurz vor
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, selbst in den Vereinigten
Staaten kein Thema sein konnten? Und warum vergleicht der alte
Colonel schon in den dreissiger Jahren die «Riten» mit «isometrischen
Übungen», wenn die doch erst in den Fünfzigern aufkamen?
Warum ist der linguistische Ton der «Urtibeter» so ganz und gar
nicht antiquiert wie andere Bücher aus der Zeit? Und woher rührt
die Ähnlichkeit mit «Lost Horizon» von James Hilton? Warum ist
das Büchlein gespickt mit angeblich tibetischen Fachausdrücken,
die gar nicht tibetisch sind, sondern bestenfalls indisch? Und
warum steht «Tibeter» in der Neuausgabe in Anführungs-zeichen
eine rechtliche Absicherung? Und zu guter Letzt: Gibt es
denn «Die Fünf &Mac220;Tibeter&Mac221;» im Tibet?
Unweit von Zürich trifft man in einem Wald auf Europas grösstes
Tibet-Zentrum mit an-gegliedertem Lama-Kloster. Geshe Khedup ist
Tibeter ohne Anführungsstriche, Kenner und Deuter der Schriften,
eine Art Doktor der Theologie. Der Geshe liegt gerade mit einem
Walkman auf dem Bett und hört die Weissagungen seines Lehrers,
als er hereinbittet. Er trägt eine rostrote Tunika, Birkenstöcke
und Wollstrümpfe, hat ziemlich schütteres graues Haar, eine
dicke Hornbrille und ein sehr freundliches, um nicht zu sagen:
jugendliches Lachen.
Noch nie in den 68 Jahren seines Lebens hat Geshe Khedup von «Den
Fünf &Mac220;Tibetern&Mac221;» gehört oder gelesen. Er
betrachtet die Farbfotos mit den Turnübungen sichtlich vergnügt.
«Wissen Sie, wir turnen nicht. Wir arbeiten und meditieren. Für
das Turnen hätten wir keine Zeit. Ich habe solche Übungen bei
uns noch nie gesehen. Vielleicht sind sie aus Indien.» Es stimme
zwar, dass die tibetischen Mönche sich mit fünf grossen Themen
beschäftigen, aber die nennen sie nicht Riten.
Auch sämtliche übrigen Fragen verneint der Geshe heiter und
kurz: keine Vegetarier und Trennkostler («Wir essen alles»),
kein Wunderglaube («Wunder hat nur Buddha gemacht, seither gibt
es keine mehr»), keine Lebensenergie «Prana» und wie die
pseudotibetischen Fachausdrücke alle heissen («Was ist das? Das
ist nicht Tibetisch»), schon gar kein Streben nach ewiger Jugend
(«Daran liegt uns nichts, das ist eher ein westlicher Wunsch.
Wir glauben an die Wiedergeburt»). Und kichernd macht der Geshe
uns Schwarztee mit viel Zucker und Sahne.
Sagte doch schon Voltaire: «Der erste Prophet war der erste
Schurke, der einem Dummkopf begegnete.»
Autorin: Susanna Schwager
Weltwoche Ausgabe Nr. 46/99, 18.11.1999